Mit der Quest 2 hat Oculus ein geniales Stück Hardware gebaut. Für den günstigen Preis sind die Entwickler aber Kompromisse eingegangen, die VR-Veteranen sauer aufstoßen dürften. Welche, verrät unser Quest-2-Test aus der Perspektive eines langjährigen PCVR-Users.

Ein Disclaimer vorweg: Ich schreibe dieses Review aus meiner Sicht als passionierter VR-Gamer, der seit Rift CV1 dabei ist. Wenn ihr Einsteiger seid und Quest 2 als euer erstes VR-Headset in Erwägung zieht, können wir abkürzen. Alles, was hier noch kommt, ist Jammern auf hohem Niveau. Die Kurzfassung: Quest 2 ist genial, holt euch das Teil! Sorry, das musste gesagt werden. Und jetzt schauen wir uns näher an, was die Quest 2 kann, was nicht, und warum.

Oculus Quest 2: VR für die Massen

Die Oculus-Mutter Facebook will mit dem Blick auf den Massenmarkt VR unkomplizierter und günstiger machen. Vor diesem Hintergrund muss man die Quest 2 sehen. Kein Gaming-PC nötig, keine Kabelverbindung nötig. Einfach Headset aufsetzen und loslegen!

Und das ist ein Feature, das auch für PCVR-abgehärtete „Profis“ ein echter Gamechanger ist. Spielen, ohne an einem Kabel zu hängen, die volle Bewegungsfreiheit haben – das fühlt sich erstmals „richtig“ an. So muss VR sein!

Starke Hardware zum guten Preis

Der Preis mit 349 Euro für die 64-GB-Version ist natürlich eine starke Ansage. Ich persönlich habe mir zwar die 100 Euro teurere 256-GB-Fassung gegönnt, because of reasons, aber nüchtern betrachtet sollten 64 Gig völlig ausreichen. Mehr als eine Handvoll Spiele zockt man eh nie gleichzeitig.

Für den günstigen Preis bekommt ihr sehr starke Hardware. Der Snapdragon XR2 ist topaktuell, einige Spiele wie das geniale In Death: Unchained oder Arizona Sunshine bekommen Updates und nutzen damit die zusätzliche Power der Quest 2 gegenüber dem Vorjahresmodell für mehr Details. Das Display der Quest 2 löst mit 1.832×1.920 Pixeln pro Auge auf. Das ist sogar mehr als bei der Valve Index. Der berüchtigte Fliegengitter-Effekt, also der sichtbare Abstand zwischen den Pixeln, ist weg.

Das Tracking der Quest 2 ist perfekt

Das Inside-out-Tracking der Quest 2 funktioniert einfach fabelhaft. Die im Headset verbauten Kameras erfassen die Controller (und eure Position im Raum) und setzen alle Bewegungen so blitzschnell und genau um, dass es eine Freude ist. Ehrlich. Spätestens mit Quest 2 ist Inside-Out-Tracking kein Kompromiss mehr. Rift CV1 trackt über seine externen Sensoren auch nicht besser.

VR Cover

Ohne Kompromisse ging es nicht

Das hört sich so weit alles gut an. Angesichts von so viel Top-Hardware zum günstigen Preis musste Oculus dann aber doch irgendwo den Sparstift ansetzen.

So ist das Display kein OLED mehr, sondern LCD. Damit Quest 2 hat deutlich schlechtere Schwarzwerte als Quest 1. Die gute Nachricht ist, dass das in (ich sag mal) 95 Prozent der Spiele nicht auffällt oder stört. Aber in wirklich dunklen Szenen, wie zum Beispiel in Horrorspielen, sieht die Sache anders aus. Ich habe zu Testzwecken den Klassiker Dreadhalls reaktiviert. Wenn’s im Spiel richtig finster ist, und das ist es fast ständig, glaubt man, durch eine graue Nebelsuppe zu laufen, statt durch unterirdische Katakomben. Das ist echt übel.

Wo Oculus auch gespart hat, ist bei der Einstellung des Augenabstands, dem sogenannten IPD-Setting. Diese Einstellung stimmt die Position der Linsen auf die eurer Augen ab. Das ist wichtig, weil die Linsen nicht auf der gesamten Fläche ein scharfes Bild liefern, sondern nur im Zentrum, und wenn das IPD-Setting nicht stimmt, schauen eure Augen auf die falsche Stelle und ihr seht unscharf. Anstelle eines Reglers für eine flexible Einstellung wie früher gibt es jetzt nur mehr drei Standard-Positionen. Zum Einstellen greift ihr die Linsen und schiebt sie zur Seite, bis sie in der jeweiligen Position einrasten. Das klappt schnell und unkompliziert, ist aber weniger flexibel als bei den bisherigen Headsets mit stufenlosem Regler. Ich persönlich hab keine Probleme, eine passende Einstellung zu finden, aber das ist wohl eher keine universell gültige Aussage.

Verarbeitung und Akkulaufzeit

Die Verarbeitungsqualität der Hardware wirkt auf mich nicht mehr so top, wie ich das von Oculus gewohnt bin. Das ist jetzt wirklich Jammern auf hohem Niveau, aber die Batterieabdeckungen auf den Controllern rasten jetzt zum Beispiel nicht mehr elegant magnetisch unterstütz ein, sondern mit einem schnöden „Klick“. Ja, stört natürlich nicht weiter, aber ist erst mal ernüchternd, wenn man von früherer Oculus-Hardware kommt und anderes gewöhnt ist.

Suboptimal ist auch die eher magere Akkulaufzeit von rund zwei Stunden im Spielbetrieb (bei schnödem Medienkonsum mehr). Berühmt ist das nicht. Gelegenheitsspieler wird das nicht weiter stören, aber VR-Profis wollen mitunter schon länger am Stück spielen.

Die beiden Touch-Controller mit offenen Batteriefächern

Standard-Riemen unbrauchbar

Und dann ist da noch das Thema mit dem Halteriemen. Der mitgelieferte Standard-Riemen ist in meinen Augen schlicht unbrauchbar, weil zu unkomfortabel für längere Spiele-Sessions. Der Fairness halber: Komfortgefühl ist natürlich höchst individuell und Gelegenheitsgamer mögen mit dem Standardriemen sogar auskommen. Mich persönlich überzeugt der separat erhältliche Elite Strap. Den gibt es wahlweise auch in einer Fassung mit integriertem Akku, dummerweise dann aber nur zusammen mit einer Tragebox, was den Preis weiter in die Höhe treibt.

Das bringt uns auch gleich zur leicht durchschaubaren Zubehör-Strategie von Oculus. Das Headset selbst ist mit 349 Euro supergünstig, das Zubehör dafür überteuert. 50 Euro für den Elite Strap (die Fassung ohne Akku), nochmal 50 Euro für die Transportbox, irre 100 Euro für das Link-Kabel (wenn ihr die Quest 2 am PC verwenden wollt) … Es ist überhaupt kein Problem, den Gerätepreis mit Zubehörkauf mal eben zu verdoppeln. Bevor ihr in einen Kaufrausch verfallt, überlegt gut, was ihr wirklich braucht – und seht euch am besten nach Alternativen von Drittherstellern um.

Fast ein Muss: der Elite Strap für Quest 2

Ein paar Worte zum Elite Strap

Wie gerade erwähnt: Der Elite Strap ist in meinen Augen ein Muss. Der Tragekomfort ist sehr gut, über ein Drehrad lässt sich der Halt schnell und unkompliziert anpassen. Ideal, wenn ihr Freunde und Bekannte eure Quest 2 ausprobieren lassen möchtet, dann verliert ihr während des Spielerwechsels kaum Zeit. Ansich würde ich den Elite Strap an der Stelle empfehlen, allerdings häufen sich im Netz die Meldungen über gebrochene Rahmen. Ob es an einer fehlerhaften Charge liegt, einige Leute zu ungestüm sind, oder wirklich ein Problem vorliegt, kann ich nicht sagen. Ich weiß nur: Mein Elite Strap erfreut sich trotz intensiver Nutzung bester Gesundheit. Wenn sich das ändert, werde ich natürlich berichten …

Quest 2 in der offiziellen, 50 Euro teuren Transportbox

Und ein paar Worte zur Transportbox

Ich hab mir auch die Transportbox geleistet. Nicht nur für den Transport, aber irgendwo will man die Quest 2 ja verstauen. Die Box tut was sie verspricht. Quest 2 inklusive Elite Srap passen rein und vorne gibt es noch ein Fach für das Ladegerät. Was mich dezent nervös macht: Die beiden Controller werden in der Mitte in unmittelbarer Nähe zu den Linsen verstaut. Zwar sind die Linsen durch eine Plastikabdeckung geschützt, aber halt nicht so richtig, denn diese Abdeckung ist nicht sehr hoch, die obere Hälfte der Linsen liegt frei. Ich seh da zwei mögliche Probleme. Dass sich die Controller beim Transport bewegen (not sure ob das überhaupt möglich ist, im Idealfall ja nicht), aber vor allem, dass man beim hineingeben der Controller unvorsichtig ist und an die Linsen kommt. Ich pack jedenfalls immer zuerst die Controller ein, und dann die Brille. Und beim Auspacken nehm ich zuerst die Brille raus, dann die Controller. Sicher ist sicher …

Spiele von Oculus Rift mitnehmen

Wenn ihr von Oculus Rift kommt, könnt ihr – und das ist ein echt feines Feature – zumindest einen Teil eurer Spielebibliothek aus dem Oculus Store für Rift zur Quest mitnehmen. Nämlich die Rift-Games, die die Entwickler auch auf Quest portiert haben und die sie im „Cross-buy“ anbieten. Diese Games tauchen übrigens nicht automatisch in euerer Quest-Bibliothek auf, ihr seht sie im Store aber als „kostenlos“ und könnt sie gratis eurer Quest-Bibliothek hinzufügen. Einziger Wehrmutstropfen: Viele Rift-Spiele wurden nie portiert. Und einige, die portiert wurden, sind leider nicht Cross-buy. Das ist dann echt ärgerlich, wenn ihr ein Spiel auf der Quest nochmal kaufen müsst. Ja, ich rede über Dich, Beat Saber!

Eure restlichen Spiele aus dem Oculus Store oder sogar von Steam könnt ihr spielen, wenn ihr die Quest per Link-Kabel oder wireless mit eurem PC verbindet. Details würden hier den Rahmen sprengen, das wird demnächst Thema eines eigenen Artikels.

Die Sache mit dem Facebook-Zwang

Eines will ich nicht unerwähnt lassen, nachdem es im Netz auch viel Kritik dafür hagelt: Um Quest 2 nutzen zu können, benötigt ihr einen Facebook-Account. Meine Meinung? Wir nutzen iPhone mit Apple-ID, Android mit Google-Konto, Prime Video mit Amazon-Konto … Der Skandal um den „Facebook-Zwang“ hält sich vor diesem Hintergrund doch sehr in Grenzen, aber das ist jetzt auch nur meine Meinung.

Fazit: Das beste Stand-alone-Headset

Kommen wir langsam zum Abschluss. Also für ein Lobeslied auf die Quest 2 waren das jetzt schon etliche Kritikpunkte. Aber man muss das immer in Relation zum Preis sehen. Für den humanen Einstiegspreis von 350 Euro bekommt ihr echt geile VR-Hardware. Kompromisse sind oft notwendig. Das heißt aber nicht, dass sie geil sind. Der starken Rechenleistung dank Snapdragon XR2 und dem hochauflösenden Display ohne Gitter-Effekt stehen LCD-bedingt schlechte Schwarz-Werte, teils billig anmutende Verarbeitung und eine überschaubare Akkulaufzeit gegenüber. Der mitgelieferte Standard-Riemen ist für längere Nutzung schlicht unbrauchbar. Trotzdem ist die Quest 2 ein großartiges Stück Technik. Das Tracking funktioniert erstklassig und nicht an einem Kabel zu hängen, ist für mich als PCVR-Gamer immer noch mindblowing. Unterm Strich ist Quest 2 trotz aller Kritikpunkte das beste Stand-alone VR-Headset am Markt. Es ist nur nicht das beste Stand-alone VR-Headset, das Facebook hätte bauen können.