Schleichen, verstecken, bloß nicht auffallen! In Jurassic World Aftermath müsst ihr lebend aus einer Forschungsstation mit freilaufenden Velociraptoren entkommen. Wir haben das intensive neue VR-Abenteuer für Oculus Quest im Test.

Panisch haste ich in den Spind und knall die Schiebetür hinter mir zu. Oops. Das hat er gehört. Er kommt näher. Ich höre seine Schritte, sein Grunzen, sein Schnaufen. Durch die dünnen Schlitze im Spind kann ich ihn jetzt auch sehen. Nur dünnes Blech und wenige Zentimeter trennen mich von dem hungrigen Velociraptor, der draußen auf dem Gang nach mir sucht. Sein Kopf kommt ganz nah an den Spind. Sieht er mich etwa? Dann schauft er kurz, dreht sich um, und trabt davon. Noch einmal gutgegangen …

Jurassic World Aftermath: Ihr seid die Beute

Kurz vor Weihnachten ist mit Jurassic World Aftermath ein neues VR-Abenteuer für die Oculus Quest erschienen. Beziehungseise ist erst mal nur das „halbe“ Spiel erschienen. Jurassic World Aftermath endet derzeit mit einem Cliffhanger nach rund vier bis fünf Stunden Spielzeit. Die zweite Spielhälfte soll 2021 als separat zu bezahlender DLC kommen. Das als nicht unwichtige Information vorneweg.

Aber zurück zum Spiel. In Jurassic World Aftermath strandet ihr nach einem Flugzeugabsturz in einer aufgelassenen Dino-Forschungsstation auf Isla Nublar. Zwischen euch und der Flucht von der Insel stehen hungrige Velociraptoren. Die Rollen sind klar verteilt: Eure flinken Jäger mit dem kräftigen Biss stehen an der Spitze der Nahrungskette. Und ihr seid die Beute.

In unserem Versteck unterm Tisch sind wir vor dem Velociraptor sicher

Ein kompromissloses Schleichspiel

Es gibt Spiele, die lassen uns die Wahl, ob wir Kämpfen aus dem Weg gehen wollen oder doch die Action suchen. Jurassic World Aftermath gehört nicht dazu. Das Ding ist ein Schleichspiel, wie es kompromissloser nicht geht. Ihr seid unbewaffnet und habt nur eine Chance: ungesehen bleiben. Entdecken euch die Velociraptoren, ist es so gut wie immer aus.

Das sorgt für eine immens dichte Stimmung und ständige Anspannung. Man hastet schon bei einem leisen, weit entfernten Trapsen panisch ins nächstgelegene Versteck. Und dort harrt man dann aus und lauscht, ob die Schritte näherkommen. Dieses Gefühl der Ohnmacht, das Wissen, wehrlose Beute zu sehen und dass jede Leichtsinnigkeit tödlich enden kann – das hat schon was.

Auf den Office-Computern müsst ihr (sehr simple) Minispiele meistern

Ablenkung ist euer einziges Werkzeug

Diese Versteckspiel-Mechanik funktioniert wirklich gut. Klar, wie bei allen Schleichspielen schnallt man auch hier im Laufe des Spiels, worauf die Jäger reagieren. Was man sich leisten kann und was nicht. Aber das System ist gut durchdacht und wirkt nie unrealistisch. In einem Versteck seid ihr prinzipiell sicher. Außer, der Velociraptor sieht euch, wie ihr zum Beispiel unter den Tisch schlüpft, dann seid ihr dran. Die Viecher sehen aber nicht nur gut, sie hören euch auch. Laufen verbietet sich eigentlich immer, dadurch seid ihr zu laut. Überhaupt reagieren die Velociraptoren auf jedes laute Geräusch. Wenn ihr an einem Computerterminal arbeitet. Oder eine Spind-Schiebetür zu laut öffnet. Dann kommen sie, um nachzusehen.

VR Cover

Das könnt ihr euch zunutze machen, indem ihr absichtlich Geräusche erzeugt. Praktischerweise habt ihr ein Tool, mit dem ihr auf Entfernung Objekte wie Lautsprecher oder an der Wand montierte Fernseher aktivieren könnt. Die machen dann kurze Zeit Lärm, was die Dinos anlockt. Und ihr nutzt die Ablenkung, um zu verschwinden.

Wird man dann doch mal erwischt, was sich auch bei vorsichtigem Spielen nie ganz vermeiden lässt, dann ist das eigentlich nie tragisch. Die Rücksetzpunkte sind recht eng gesetzt und ihr verliert nie viel Fortschritt.

Besser als Seated Experience

Ihr könnt Jurassic World Aftermath entweder im Stehen oder Sitzen spielen. Wobei ich den Verdacht habe, dass das Teil eher auf eine Seated Experience ausgelegt ist – oder die Entwickler sehr klein sind. Im Stehen habe ich jedenfalls das Problem, dass ich mich bei jeder Tür ducken muss. Und wenn ich mich in der Hocke unter einer Tischplatte verstecken will, muss ich mich unnatürlich klein machen, damit mein Kopf nicht in die Tischplatte glitcht. Die bessere Wahl ist hier definitiv der „Duck“-Button (Klick am rechten Ministick). Wie gesagt: Mein Eindruck ist, dass das Spiel eher als Seated Experience ausgelegt ist. Als solche funktioniert es astrein.

Bei der Grafik setzt Jurassic World Aftermath auf Cellshading

Grafik im Comic-Look

Jurassic World Aftermath setzt – das habt ihr anhand der Screens selber schon bemerkt – auf comichaften Cellshading-Look. Vielleicht geht’s euch ja so wie mir, der sich im ersten Moment gedacht hat: Ist eh hübsch, aber wäre ein realistischer Look nicht passender für ein Spiel, bei dem man sich vor den Dinos richtig fürchten soll? Das Lustige ist: Die Grafik springt einem auf den Screenshots natürlich ins Auge und vielleicht die ersten paar Spielminuten. Schon nach kurzer Zeit registriert man den Comicstil und der Look fühlt sich einfach „richtig“ an. Auch die Animationen der Velociraptoren sind großartig und glaubhaft. Echt sehenswert übrigens, wenn ihr zur Ablenkung einen Lautsprecher aktiviert und der neugierige Dino angetrabt kommt, sich aufrichtet als würde ein Hund Männchen machen und verwundert den Kopf zur Seite neigt. Da wirken die Viecher fast schon niedlich.

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Spielzeit und Abwechslung

Klingt soweit alles ganz gut. Allerdings gibt es auch einige Kritikpunkten, die ich dem Spiel trotz aller grundsätzlichen Begeisterung schon vorhalten muss. Wie eingangs erwähnt, ist Jurassic World Aftermath nur zur Hälfte fertig. Nach rund vier bis fünf Stunden Spielzeit endet das Spiel mit einem Cliffhanger und dem Verweis auf einen kostenpflichtigen DLC, der 2021 kommen soll. Das ist ja grundsätzlich in Ordnung, kann man so machen, nur sollte das dann auch schon vor dem Kauf erkennbar sein. Vielleicht durch den Zusatz „Episode I“ im Spieltitel, oder zumindest durch einen Hinweis im Store-Beschreibungstext. Beides passiert nicht. Der günstige Preis von 22 Euro ist der einzige Hinweis darauf, dass man es hier nicht mit einer abendfüllenden Experience zu tun hat.

Die Tatsache, dass es sich nur um das halbe Spiel handelt, ist dann auch irgendwo die Erklärung für meinen zweiten Kritikpunkt: die mangelnde Abwechslung. Ihr schleicht durch die Gänge des Labors und versteckt euch vor den Velociraptoren. Nicht falsch verstehen: Das funktioniert gut und macht Spaß. Es ist aber halt auch das komplette Spiel – bis jetzt. Es gibt einen Abschnitt, der etwas anders gelagert ist. Da seid ihr mit einer Taschenlampe im stockfinsteren Keller unterwegs und werdet von giftspuckenden Dilophosauriern attackiert. Sonst seid ihr immer nur auf der Flucht von Velociraptoren. Der Tyrannosaurus und die Flugsaurier haben einen kurzen Gastauftritt im Intro und kommen dann nie wieder vor. Schade. Der Fortsetzungs-DLC bringt hoffentlich mehr Abwechslung.

Ihr findet Jurassic World Aftermath um schlanke 22 Euro im Oculus Store

Überblick der Rezensionen
Das Fazit
Manfred
Nach 16 Jahren E-MEDIA bloggt Manfred Huber jetzt über die Technik-Themen, die ihm am meisten Spaß machen – und das ist momentan alles rund um Virtual Reality.
jurassic-world-aftermath-im-testIch gestehe es frei heraus: Ich mag keine Schleichspiele, ich bin dafür zu ungeduldig. Immer, wenn mir ein Spiel die Wahl lässt, wähle ich die Action-Route. Jurassic World Aftermath hat mich trotzdem gepackt. Die aufgezwungene Vorsicht, die ständige Anspannung: Das sind einfach große Emotionen, die hier rübergebracht werden und die in der Intensität wohl nur durch VR möglich sind. Gleichzeitig ist das Spiel in Sachen Abwechslung hart am Anschlag. Immer nur durch Laborgänge schleichen auf der Flucht vor Velociraptoren? Für schlanke 22 Euro geht das in Ordnung, für den Fortsetzungs-DLC wünsche ich mir dann aber doch neue Locations (Außenareale?) und Dinos (Tyrannosaurus!).