Virtuell zum Wrack tauchen und den Untergang „live“ miterleben: Titanic VR will spielerisch geschichtliches Wissen zur größten Schiffskatastrophe aller Zeiten vermitteln. Wie gut das gelingt und warum für Kickstarter-Backer am Ende trotzdem ein fahler Nachgeschmack bleibt – Titanic VR im Test.

Für Spieleentwickler David Whelan ist VR ein Medium, das mehr als unterhalten kann. Nach der Apollo 11 VR Experience ist Titanic VR sein zweites Projekt, das spielerisch Wissen vermittelt, frei nach dem Motto: Geschichte virtuell selbst erleben statt nur darüber lesen.

Das Game für Oculus Rift, HTC Vive und demnächst PlayStation VR besteht aus zwei Teilen: Einem interaktiven Part, der euch zum Wrack der Titanic tauchen lässt, und einem passiven Teil, bei dem ihr den Untergang „live“ miterlebt. Widmen wir uns zunächst dem Tauch-Part.

Titanic VR: Virtuell zum Wrack abtauchen

Wie schon in unserem seinerzeitigen Preview zu lesen: Der Storymodus macht euch zum Mitglied eines Tauchteams, das für eine zahlungskräftige Kundin am Wrack Nachforschungen in Sachen persönlicher Familiengeschichte anstellen soll. In Folge schickt euch das Game auf mehrere Tauchgänge in 3.840 Meter Tiefe. Dabei sollt ihr unter anderem nach einem speziellen Artefakt suchen, oder Fotos von bestimmten Teilen des Schiffs machen etc.

Euer Tauchboot steuert ihr entweder direkt über die Sticks am Controller, oder ihr greift nach den virtuellen Joysticks im U-Boot. Damit ihr die Szenerie nicht immer nur aus dem vergleichsweise kleinen Bullauge betrachten müsst, haben sich die Entwickler eine originelle Idee einfallen lassen: Mit einer virtuellen VR-Brille im Spiel beamt ihr euch in einen kleinen ferngesteuerten Tauchroboter. Mit ihm könnt ihr an verwinkelte Stellen im Wrack vordringen, die ihr mit dem großen Tauchboot nicht erreichen könntet.

Während ihr am Wrack entlang zur jeweiligen Missions-Location taucht, brieft euch eine Stimme über „Funk“ über die jeweilige Mission – und so erfährt ihr ganz nebenbei Wissenswertes über das Schiff und sein Schicksal. Nach jedem einzelnen Tauchgang beamt euch das Spiel zurück aufs Forschungsschiff, wo ihr die gesammelten Artefakte reinigt, der Auftraggeberin via Skype-Call Bericht über eure Fortschritte erstattet oder Upgrades am Tauchroboter installiert.

Licht und Schatten am Meeresgrund

Was euch bei euren Tauchgängen vermutlich auffallen wird: Dass Titanic ein paar höherauflösende Texturen gut hätte vertragen können. Teilweise sind die Texturen dezent verwaschen, selbst auf der höchsten Qualitätseinstellung. Dafür sieht das Spiel aus Licht und Schatten am Meeresgrund wirklich beeindruckend aus und man ertappt sich dabei, laufend Screenshots machen zu wollen.

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Die Rahmenstory und die Tatsache, dass ihr euer Tauchboot selber steuert, machen Titanic VR zu mehr Spiel als es Apollo 11 war. Trotzdem: Der Fokus liegt ganz klar wieder auf der Experience und auf Wissensvermittlung.

Das gilt erst recht für den zweiten Part des Games: die passive Experience. Hier könnt ihr zwei geführte Tauchtouren (eine kurze, eine längere) zum Wrack unternehmen. Das Boot fährt dabei auf Autopilot und ihr müsst nur aus der Luke schauen und den Worten der Sprecherin lauschen. Ideal für den Einsatz im Schulunterricht, oder wenn ihr VR-Neulinge zum Wrack tauchen lassen wollt.

Den Untergang „live“ erleben

Eine weitere passive Experience ist der Untergang in der Nacht auf den 15. April 1912. Die etwa 10-minütige Szene beginnt zu dem Zeitpunkt, als die Crew anfängt, die Rettungsboote zu füllen. Ihr erlebt aus nächster Nähe, wie eine Familie auseinandergerissen wird – nur Mutter und Tochter dürfen an Bord des Rettungsboots, der Vater und der 16-jährige Sohn müssen an Bord bleiben. Im weiteren Verlauf sitzt ihr selbst im Rettungsboot und erlebt, wie es zu Wasser gelassen wird, sich langsam vom Schiff entfernt – und wie Titanic schlussendlich sinkt.

Der Production Value dieser Szene hat uns ehrlicherweise überrascht. Viele Menschen, die individuell animiert und vertont werden müssen – das hätte auch in die Hose gehen können. Die Szene kommt aber sehr authentisch und intensiv rüber. Nur der eigentliche Untergang des Schiffes sieht nicht ganz so glaubhaft aus wie bei David Cameron im Kino. Dass die Szene aus praktischen Gründen sehr viel schneller abläuft als in der Realität und damit nicht unbedingt authentisch ist: geschenkt.

Titanic VR
Den Untergang aus dem sicheren Rettungsboot erleben…

Was es alles nicht ins Spiel geschafft hat

An dieser Stelle können wir festhalten: Das, was das Spiel macht, macht es wirklich gut. Kickstarter-Backer der ersten Stunde könnten dennoch dezent enttäuscht sein angesichts der Dinge, die es alle nicht ins Spiel geschafft haben. Noch heute sind auf der Kickstarter-Seite Teaser-Screenshots von Szenen zu sehen, von denen im fertigen Spiel jede Spur fehlt. Die Eisberg-Sichtung durch den Ausguck, die eigentliche Kollision, der Notruf durch den Funker – alles Szenen, die offenbar einmal angedacht waren.

Sogar die Szene aus der ersten VR-Teaserdemo, in der man Tageslicht in einem Ruderboot erlebt, wie die mächtige Titanic an einem vorbeizieht, fehlt im fertigen Spiel. Das alles hinterlässt einen fahlen Nachgeschmack, macht den vorhandenen Content aber nicht schlechter. Unterm Strich ist Titanic VR nach Apollo 11 die nächste ebenso unterhaltsame wie lehrreiche VR-Experience von David Whelan und seinem Studio Immersive VR Education.

Hier geht’s zu Titanic VR auf Steam und hier im Oculus Store.

ÜBERBLICK DER REZENSIONEN
Das Fazit
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Manfred
Nach 16 Jahren E-MEDIA bloggt Manfred Huber jetzt über die Technik-Themen, die ihm am meisten Spaß machen - und das ist momentan alles rund um Virtual Reality.