Symbolbild Bitcoin als Tulpenzwiebeln
Der Hype um Kryptowährungen weckt Erinnerungen an die historische Tulpenzwiebelblase. (Foto: Klaus Eppele - stock.adobe.com/Grafik)

Wahrscheinlich kennen die meisten Geschichte von der holländischen Tulpenzwiebelblase im 17. Jahrhundert. Man kann sie im Kontext des aktuellen Hypes um Kryptowährungen aber nicht oft genug hören. 

Als ich beginne, diesen Kommentar zu schreiben, steht das Bitcoin bei etwas über 3.000 US-Dollar. Als ich den Text fünf Tage später finalisiere, sind es über 4.000 Dollar. Wer im Jänner 2017 in die Kryptowährung investiert hat, hat seinen Einsatz mit Stand Mitte August vervierfacht. Und wer überhaupt schon viel früher eingestiegen ist, etwa 2013 zum Kurs von unter 100 Euro, freut sich über eine Kurssteigerung von 4.000 Prozent. Ähnliche Erfolgsstorys wie Bitcoin schreiben derzeit auch andere Kryptowährungen. Ethereum, IOTA, und wie sie alle heißen.

Kurze Zeitreise in die 30er Jahre des 17. Jahrhunderts. In Holland haben breite Bevölkerungsschichten die Liebe zu Tulpenzwiebeln entdeckt. Für seltene Sorten werden schnell aberwitzige Preise bezahlt. Nicht von Endabnehmern, die damit ihre Gärten verschönern wollen, sondern von Käufern, die einzig auf einen Kursanstieg spekulieren. Sie stammen aus allen Bevölkerungsschichten, vom Pöbel bis zum Adel. Für die Menschen ist der Tulpenzwiebelboom ein Geschenk des Himmels. Eine einzigartige Chance, zu Reichtum zu gelangen. Das beste: Man muss keine Ahnung von Blumen haben. Man braucht nur Kapital und einen Dummen, der einem die teuer gekaufte Zwiebel noch teurer abkauft. Am Höhepunkt der Blase werden seltene Zwiebeln gegen Häuser in besten Lagen getauscht. Bis 1637 die Blase platzt und die Preise ins Bodenlose stürzen. Heute gilt die Tulipmania in der Finanzwelt als Lehrbeispiel für Blasenbildung.

Bitcoin als Spekulationsobjekt

Fast forward nach 2017. Sogenannte Kryptowährungen boomen. Für die digitalen Coins werden aberwitzige Preise gezahlt. Man muss keine Ahnung haben von Programmierung oder vom Finanzwesen. Alles was man braucht, um reich zu werden: Kapital und einen Dummen, der einem die teuer gekauften Bitcoins noch teurer abkauft. Zugegeben, das war jetzt Polemik, aber nur ein bisschen.

Bitcoin gibt es seit acht Jahren. Als Zahlungsmittel hat sich die digitale Währung – von punktuellen PR-wirksamen Ausnahmen abgesehen – in all der Zeit nicht durchgesetzt. Stattdessen ist Bitcoin ein Spekulationsobjekt geworden. Die überwiegende Mehrheit der Menschen, die Bitcoin kauft, will damit nicht online shoppen, sondern hofft auf eine Wertsteigerung. Solange genügend neue Interessenten einsteigen, geht die Rechnung auch auf. Bloß: Wie lange wird das noch gutgehen?

Der Wert von Bitcoin basiert einzig auf dem Vertrauen, dass einem jemand die digitale „Währung“ in echtes Geld zurücktauscht. Nun könnten Zyniker anmerken, auch Euro und US-Dollar basierten bloß auf Vertrauen. Ja eh. Aber hinter diesen Währungen stehen die weltgrößten Volkswirtschaften. Die Kurse von Bitcoin & Co. stützt lediglich die Hoffnung auf Kursgewinne.

Bitcoin ist nicht alternativlos

„Aber die Blockchain-Technologie hat immenses Potenzial“, werden einige sagen. Der Einwurf ist berechtigt. Eines wird in der Debatte nur meist ignoriert: Dass wir zwei grundsätzliche Dinge unterscheiden müssen. Blockchains mögen in naher Zukunft alle möglichen Anwendungsbereiche erobern, von der Krebsforschung bis zum Zahlungsverkehr. Vielleicht basiert das Geldsystem der Zukunft tatsächlich auf Blockchain-Technologie. Bloß: Das sind dann nicht zwangsweise die Blockchains, in die Spekulanten gerade Millionen von Euro pumpen. Was hindert die EZB daran, eine eigene an den Euro gebundene Blockchain zu starten, die nicht unberechenbar im Kurs schwankt und sich deshalb sehr viel besser für den Zahlungsverkehr eignet als Bitcoin & Co?

Man braucht nur einen Blick auf die unüberschaubare Anzahl an Kryptowährungen und deren Kursverläufe zu werfen um zu realisieren, dass die aktuelle Entwicklung ungesund ist. Anleger, die es verpasst haben, mit Bitcoin reich zu werden, kaufen beliebige Kryptowährungen, um diesmal ganz sicher dabei zu sein. Solange genügend Menschen an Kryptowährungen glauben, ist der Kursanstieg eine selbsterfüllende Prophezeiung. Auch Bitcoin kann noch weiter zulegen, glauben Analysten, die sich mit ihren Kurszielen gegenseitig übertreffen. Letztens geisterte durch die Medien sogar die Zahl von 100.000 Dollar, die ein Bitcoin einmal wert sein soll.

Vorher kommt für Kryptowährungen aber der Tag, an dem sie beweisen müssen, dass sie reelle Werte repräsentieren. Wir werden erleben, ob Bitcoin & Co. den Tulpenzwiebeltest meistern.